Die Aufführung

Die Aufführung erzählt durch Daniele Finzi Pasca

Ein kleines Mädchen im Alter von 6 bis 10 Jahren ist an einem Erntetag im Lavaux bei seinem Grossvater. Sie machen nach einem langen Arbeitstag eine kleine Pause. Auf dem Tisch, an dem sich die Familie und die Arbeiter zusammengefunden haben, um einen Happen zu essen, befinden sich Dinge und Elemente, die vor ihren Augen zu leben beginnen. Während der ganzen Aufführung führt der Grossvater das Mädchen auf eine Reise durch das Leben der Rebbauern.
Die Fête 2019 setzt den Rebbauer und seine Krönung ins Zentrum der Erzählung.
Wir lassen das Leben der Götter und den Hinweis auf die heidnische Tradition beiseite und tauchen in den Geist dieser Region ein – in die Rebbautradition des Kantons und das Handwerk, das die Confrérie beschützt. In zwanzig Bildern und ebenso vielen Übergängen erleben wir die Jahreszeiten – nicht die vier kanonischen, sondern vielmehr jene, die das Leben der Rebbauern bestimmen. Die Jahreszeiten, die nacheinander ablaufen, die eine Veränderung der Natur beinhalten, die Leben erwecken und präzise Handlungen mit sich ziehen. Nach Zeiten der Erholung gibt es solche, in denen klug und geschickt in in die Rebe eingegriffen werden muss. Es gibt den Moment, in dem man die Pflanze ausreisst oder sie zurückschneidet. Verschiedene Phasen folgen im Rhythmus der klimatischen Veränderungen aufeinander, in der Hoffnung, dass das Gleichgewicht zwischen der Kälte und der Hitze, zwischen Regen und Sonne sich harmonisch abwechselt.
Die Aufführung verzichtet aber nicht auf die bekannten und vom Publikum geliebten Teile, die ein integraler Bestandteil der Liturgie der Fête des Vignerons sind. Dazu gehören beispielsweise die «Foire de la Saint-Martin», die Hochzeiten, die Hundertschweizer oder die Sennen.

Die Aufführung beginnt mit der Energie eines Erntetages – mit dem Lärm und den Tätigkeiten, die auf die ganze Arena übergreifen. Eine Arena, die man sich wie ein gigantisches Nest vorstellen kann, in welches die Zuschauer eintauchen und von den Bildern, den Choreografien und der Handlung des Theaters umgeben werden. Eine grosse, zentrale Bühne, umgeben von vier weiteren Bühnen, erlaubt es uns, grosse, szenische Bewegungen einzubauen, ohne auf Momente zu verzichten, die nach Intimität und Poesie verlangen. Ein ausgeklügeltes Tonsystem wird den Besuchern ermöglichen, mit den Ohren zu sehen.

Damit wir das Publikum berühren können, tauchen wir ins Leben ein, in die Schlachten, die Einsamkeit, aber auch in die Stille, die Bestandteil des Lebens aller Menschen ist, die in den Rebbergen arbeiten. Diese Welt wird vor den Augen eines von seinem Grossvater geführten Mädchens vorüberziehen. Er wird sie in eine Welt mitnehmen, die magisch und traumhaft ist, belebt von Figuren, die das Mädchen wiedererkennen und schätzen lernen wird. Der Grossvater und das kleine Mädchen werden die Weisheiten, die kleinen Geheimnisse und die Jahreszeiten erleben, die das Leben der Rebbauern bestimmen.

Jeder Teil des Jahres entspricht präzisen Handlungen in den Rebbergen. Die damit verbundenen Erlebnisse werden durch Spielszenen, Massenchoreografien und Bilder interpretiert und erzählt, die die Augen eines Kindes überraschen werden. Durch die Musik und die Texte der Lieder versuchen wir, die Herzen der Zuschauer zu erreichen.
So wie der Grossvater das Mädchen an der Hand führt, werden wir das Publikum in eine magische und emotionale Welt führen, in der sich Mensch und Natur begegnen, messen und zusammen tanzen. Diese Aufführung richtet sich auch an die Menschen, die von anderswo kommen, indem wir sie mit der Kultur und dem Leben der hiesigen Leute in Kontakt bringen. Dies wird eine Aufführung, in der die verschiedenen Schichten des Verstehens sich tiefgründig mit emotionalen Elementen überlagern.

Wie bei Alice im Wunderland, verwandelt das Mädchen mit seiner Vorstellungskraft die Karten, die Scheren, die kleinen Insekten und tausend andere Dinge.
Seine Gesprächspartner werden plötzlich Teil der gigantischen Choreografien und monumentalen Paraden. Dabei wechseln sich Szenen mit 2000 bis 2500 DarstellerInnen mit intimen Momenten ab. Die Poesie und die Emotionen sollen in jedem Element, in jeder Geste, in jedem Kostüm, in jedem Lied und in jedem Wort zu finden sein.
Während der ganzen Reise wird der Grossvater das Mädchen durch die Welten führen und allem, was sich magisch vor ihr aufbaut, einen Sinn geben. Er wird ihr den Sinn der Arbeit erklären, die Liebe und den Respekt für den Boden und die Aufmerksamkeit für bestimmte Aufgaben, die mit Sensibilität, Kunst und Liebe erfüllt werden müssen.

Die Aufführung beginnt an einem Erntetag und endet an einem anderen Erntetag, als hätte diese kleine Reise nur einen kurzen Moment gedauert. Nur gerade eine Atempause in der Hitze und der Erregung der Arbeit. Wir werden mit einer Szene in einer völlig leeren Arena beginnen und werden auch so aufhören. In einer Leere, in der die Echos, Bilder und Emotionen widerhallen, die ich in den Seelen des Publikums für immer verankern möchte.

Der Sinn dieser Reise, die ich vor einigen Jahren mit meiner inzwischen verstorbenen Partnerin Julie entworfen habe, nimmt mehr und mehr Form an. Wir wollten auch die Krönung wieder ins Zentrum dieser Fête rücken, um damit den Rebbauern den Platz zurückzugeben, der ihnen zusteht, wie auch der gesamten Confrérie, die über die Weisheit und die Wissenschaft dieser Menschen wacht, die jeden Tag den Himmel und den See prüfen und mit den Reben sprechen.

Bemerkungen von Daniele Finzi Pasca