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Die Feste

DIE WINZERFESTE

Die Geschichte des Winzerfestes von Vevey ist untrennbar mit jener der Winzerbruderschaft verbunden. Mehr als ein Schauspiel, ist sie an erster Stelle eine aus einer mehrere Jahrhunderte alten Tradition hervorgegangene Zelebration.

» Die Winzerfeste vom 18. jhd bis zu 1999

Von der parade zum fest

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Marktplatz von Vevey, 1820, Historisches Museum von Vevey

Im 17. Jahrhundert organisierte die Winzerbruderschaft, damals “Abbaye de l’agriculture, dite de St. Urbain” genannt, die aus Urzeiten hervorzukommen vorgab, wie auch zahlreiche andere Vereine, jährlich einen Umzug – Parade, “Pourmenade” oder “Bravade” genannt – durch die Stadt. Mit Fahne und Figur des heiligen Schutzpatrons an der Spitze, stolz zur Schau getragenen “marmousets” (kleine, auf Stangen befestigte, den Alltag der Winzer darstellende Figuren), verliess der Umzug den Vorplatz der auf dem kleinen Hügel gelegenen Kirche St. Martin und zog bis ans Seeufer durch die engen Gassen der Stadt. Diese Parade folgte auf die Generalversammlung, bei der die Arbeit der Weinbauarbeiter besprochen (und kritisiert) wurde, und ging dem traditionellen Vereinsbankett voraus. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurde dem Umzug durch die Stadt nach und nach mehr Inhalt und Umfang gegeben. Zuerst wurde er durch einige Musikanten und Sängerinnen (“chanterelles”) bereichert, dann kamen ein kleiner Bub, der auf einem Fass sitzend die Rolle des Bacchus spielte (1730) und ein anderer, als Mädchen verkleidet, Ceres, die Göttin der Ähren und der Ernte darstellend, hinzu. Während die von den Berner Vogten eingeführte protestantische Reform noch sehr streng war und nur wenig gemeinschaftliche Festlichkeiten zuliess, zog der Umzug der Winzerbruderschaft immer mehr Schaulustige an.

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“Marmousets”-Gruppe: betrunkener Winzer, Büttenträger und Ährenleserin, 18. Jahrhundert

Gegen 1770 gab sich die Winzerbruderschaft, bürgerliche Gesellschaft von Grundbesitzern, zum Ziel, die Verbesserung des Weinbaus zu fördern und eher die gute Arbeit der Weinbauarbeiter zu belohnen, als die etwaigen Mängel im Anbau hervorzuheben. Wenn es die Finanzen und die wirtschaftlichen und politischen Umstände erlaubten, wurden demzufolge die Besten prämiert und gekrönt.

Es war diese Krönungszeremonie der besten Arbeiter, die nach und nach die frühere Parade in ein Winzerfest umwandelte. 1797, während sich ländliche Feste und alles mit der Natur Verbundene in der bürgerlichen Gesellschaft grosser Beliebtheit erfreuten, baute man auf dem Marktplatz von Vevey eine erste Estrade auf, damit die zahlreichen Schaulustigen dieser festlichen Krönung beiwohnen konnten. Wie es einige Einwohner von Vevey betonten, war dies auch das erste Mal, dass man den Geldbeutel zücken musste, um die Feierlichkeiten der “Abbaye des Vignerons” miterleben zu können.

Das Schauspiel entstand aus dem Bemühen um eine grössere Hervorhebung der Belohnungszeremonie für die besten Weinbauarbeiter. Man gab ihm Struktur und bereicherte es mit neuen Ornamenten: der Verlauf des Umzug-Schauspiels wurde in vier Jahreszeiten aufgeteilt, und eine weitere Gottheit, Palas, kam zu Bacchus und Ceres hinzu.

Von der bastelei zum vereinheitlichten werk

Die unruhigen Zeiten, die auf die waadtländische Revolution folgten, machten es schwer, die Errichtung eines neuen Winzerfestes in Betracht zu ziehen. Schliesslich, nach zweiundzwanzig Jahren, kam dann 1819 die Zeit, den jungen Generationen zu eröffnen, was das Winzerfest war und bedeutete. Noch nie waren zwei Zelebrationen durch soviele Jahre getrennt gewesen! In diesem Jahr wurden die Themen durch die Alten Schweizer (Anciens Suisses) und das Lied des “Ranz des vaches” – die altüberlieferte Hymne, die hier die engen wirtschaftlichen und sozialen Bindungen zwischen Winzern vom Genferseegebiet und Bauern aus der Freiburger Veveyse festigte – ergänzt, Darstellungen, die heute noch einen bedeutenden Teil im Winzerfest einnehmen. Mit der Verbesserung der Verkehrsmittel – seit dem Fest von 1833 die Seedampfer, seit dem von 1865 die Eisenbahn – kamen die Zuschauer immer zahlreicher nach Vevey.

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Das Winzerfest nahm unaufhörlich an Grösse und Bedeutung zu, sowohl angesichts des Ausmasses der Veranstaltung als auch seiner künstlerischen Qualität. Auf das musikalische und dichterische “Patchwork” der ersten Winzerfeste des 19. Jahrhunderts, wo man sich damit begnügt hatte, ein Arrangement von Gelegenheitstexten auf bekannte Volksweisen zu bestellen, folgten Feste, für die angesehene Künstler originelle und kohärente Werke schufen. 1851 komponierte François Grast die erste vollständige Partitur, die den noch uneinheitlichen, von verschiedenen Amateurdichtern verfassten Texten eine gewisse Einheit verlieh. Er komponierte später auch die Partitur des Festes von 1865. 1889 wurde die Partiturkomposition Hugo de Senger anvertraut. Bereits zu dieser Zeit versuchte das Fest, Volks- und Elitärkultur harmonisch zu verbinden. Es wurde sowohl vom “Festspiel” als auch von der Oper und den Alpenfesten inspiriert.

PARADE_1791

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René und Jean Morax mit Gustave Doret, gegen 1905

Schliesslich, im Jahr 1905, wurde dank der engen Zusammenarbeit zwischen den Brüdern René und Jean Morax – bzw. Verfasser des Librettos und Maler – und dem Komponisten Gustave Doret zum ersten Mal ein kohärentes Werk vollbracht. Sie riefen eine wahre Hymne an die Erde wach, deren volkstümlicher Erfolg Generationen von Sängern prägte.

Nach einem solch’ aufsehenerregenden Erfolg verleitete die Angst vor enttäuschenden Innovierungen, zudem in einer schwierigen Zeit, die Winzerbruderschaft dazu, 1927 erneut Gustave Doret um seinen Beitrag anzusuchen. Das Libretto wurde Pierre Girard anvertraut. Der zweite Weltkrieg verzögerte die Zelebration eines neuen Festes. Die Welt hatte sich verändert. 1955, in einer Gesellschaft, die begeistert neue Vergnügungen entdeckte, befürchtete die Winzerbruderschaft, dass ein traditionelles Fest den Erwartungen seines Publikums nicht mehr entsprechen könnte. Carlo Hemmerling und Géo-H. Blanc trugen dazu bei, das Fest aus seinen regionalen Grenzen herauszutragen. So ergänzte eine beeindruckende Palette internationaler Künstler das begeisterte Engagement der örtlichen Statisten, und ein leichter Hauch von Broadway wehte über den Marktplatz von Vevey.

Die Weinpresse, Winzerfest 1977

Die Weinpresse, Winzerfest 1977

1977 komponierte Jean Balissat eine Musik, die auf wunderbare Weise dem Wunsch des Librettisten Henri Debluë entgegenkam. Dieser waadtländische Autor träumte davon, das Fest nach dem Prunk von 1955 zu seinem ursprünglichem Land zurückzuführen und wieder eine Bindung zur christlichen Tradition zu schaffen – wie die christische Symbolik der Rebe und des Weins –, die bisher nur sehr bescheiden inmitten eines Pantheons von antiken und heidnischen Göttern zu erkennen war.

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Das letzte Fest fand im Sommer 1999 statt. Es wurde von François Rochaix entworfen und inszeniert. Die Winzer waren wahrlich in den Mittelpunkt der Dramaturgie gestellt. Eine einmalige Zelebration, die Krönung, wurde ihnen vollständig gewidmet, bevor Arlevin, der fiktive, possenreissende gekrönte Winzer, sie allesamt während der vierzehn Vorstellungen vertrat.

 

Das Winzerfest und die bekräftigung der regionalen identität

Der Erfolg, den jedes neue Winzerfest errang, sowie der Ehrgeiz der Veranstalter, immer noch weiter und höher zu gehen, setzte stetig steigende Investitionen voraus. Demzufolge wurde es schwierig, mehr als fünf Feste pro Jahrhundert zu veranstalten. Die damit verbundenen, langen “Ruhepausen” hätten auf lange Frist dem Fest sein Interesse nehmen können. Dies war jedoch keineswegs der Fall. Vevey ist nicht mehr der ländliche kleine Marktflecken, in dem die ersten Winzerparaden ins Leben gerufen wurden. In dieser Industrie- und Handelskleinstadt, oft recht enfernt von den Winzer- und Bauernrealitäten, bleibt das Winzerfest einmal pro Generation ein Fest der Erinnerung, der Identität. Es vereint alte Traditionen mit zeitgenössischen Herausforderungen. Es weckt in jedem Zuschauer seine Vergangenheit und zelebriert gleichermassen die Gegenwart des arbeitenden Menschen. So ist das Winzerfest ein grosser Liebes- und Hoffnungsgesang, eine Hymne an die Erde, die Heimat, an die Menschen und ihre Wurzeln. Es feiert den Zyklus des Lebens.

Die Winzerfeste der 19. und 20. jahrhunderte in zahlen

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