Unter der Leitung von Caroline Meyer und in Anwesenheit des dreiköpfigen Komponistenteams haben sich am Samstag, den 24. November in Roche die 500 Chorsänger und -sängerinnen sowie die 300 Chorsänger/Percussionisten der Fête zu den ersten Proben versammelt

«Atmen wir gemeinsam! Atmen Sie ein, atmen Sie aus, stellen Sie sich aufrecht hin, öffnen Sie die Arme!» In Jeans und mit Pferdeschwanz steht Caroline Meyer auf der Bühne und leitet die 500 Chorsängerinnen und Chorsänger an, die an diesem Samstagmorgen den Weg in den grossen Saal La Rotzérane in Roche gefunden haben. Für Meyer ist es die Feuerprobe. Zum ersten Mal kommen alle Sängerinnen und Sänger des Chors der Fête zu einer gemeinsamen Probe zusammen. Im Anschluss gibt es dann die allererste Probe der 300 Chorsänger/Percussionisten.

Alle Chöre sind dabei: der Chor Le Pèlerin aus Chardonne-Jongny, de Choeur Neuf Lutry, die Chöre Chanson des Roseaux und l’Helvétienne aus Aigle, Pro Arte Lausanne, das Ensemble Couleur Vocale, der Choeur mixte de Rivaz-St-Saphorin, die Chorunion Union chorale La Tour-de-Peilz sowie A Vaud Voix, der Choeur d’Oratorio de Montreux, die Vocalistes romands, Voix 8 und Voix Lausanne, der Choeur Symphonique de Vevey und der Choeur mixte de Corseaux. Seit September haben sie, zunächst jeder für sich, die ersten Gesangsstücke der Fête des Vignerons 2019 einstudiert. Am frühen Morgen sind sie angekommen, haben sich in Anwesenheitslisten eingetragen und es sich auf den Stühlen bequem gemacht, welche die Mitglieder der Chöre Chanson des Roseaux, Helvétienne und der Choeur mixte de Corseaux bereit gestellt haben: Sopranistinnen rechts, Bässe in der Mitte und der Alt links. Durch die grossen Fenster kann man einen Blick auf die Berggipfel erhaschen, auf denen der erste Schnee liegt.

Isabelle Raboud, Verantwortliche der Kommission für die spezialisierten Rollen, zu denen auch die Chorsänger gehören, zeigt sich bei der Begrüssung der Anwesenden sichtlich bewegt. Genau wie Jean-Daniel Porta, Weinbauer aus Aran und Ensemble-Leiter, der Grüsse des Rates der Confrérie des Vignerons überbringt. «Meine Frau ist auch unter den Sängerinnen … So bekomme nicht nur ein direktes Feedback, sondern kann in den drei Wochen der Fête auch ein besonderes Auge auf sie werfen», sagt er lachend, während er den Teilnehmenden schon jetzt für ihr Engagement dankt. «Dank Ihnen wird die Fête ein wunderbares und emotionales Ereignis. Sie tragen dazu bei, die traditionsreichen Chöre unserer Region am Leben zu erhalten!»

Unter grossem Applaus begegnen sich Komponisten und Interpreten zum ersten Mal. «Sie nehmen auf der Fête eine prominente Rolle ein. Jeder einzelne von Ihnen», betont Maria Bonzanigo, Komponistin und musikalische Leiterin. «Wir haben Grosses vor, und um das zu schaffen, brauchen Sie Freude, Motivation, Elan und Konzentration!» Nach einem improvisierten Kanon und einigen Vokalisen wagt sich Caroline Meyer – unterstützt von der nicht minder gut gelaunten und motivierten Céline Grandjean – mit den Chorsängern an die einzelnen Stücke der Fête. Los geht’s mit der Hymne des Vendanges mit der Musik von Jérôme Berney und den Texten Blaise Hofmann. Das Stück markiert die Eröffnung der Fête. «Es ist das Leben, / das mir zuwinkt, die Erde, / der Geruch der Erde / der Geschmack der Erde, (…) / und plötzlich / weiss ich wieder, wo ich herkomme!» Die Stimmen tragen die langsame, imposante Melodie selbstbewusst in die Halle. Am Ende verbeugt sich Jérôme Berney glücklich vor seinem Chor und verkündet: «Dieses Lied kommt aus der Tiefe der Zeit und der Erde. Es wird das erste Lied sein, bei dem alle Chöre zusammen auf der Bühne stehen. Es ist eine Hymne, die uns mit dem Publikum, dem Himmel, der Erde und den vergangenen Generationen verbindet …»

Es folgt Vendanges II, die so ganz anders ist als der erste Teil: ein fantastisches, karnevaleskes Lied, das eine fröhliche, explosionsartige Energie verbreitet. «In unserer Hand: der Geist der Erde! / In unserem Geist: die Frucht der Erde, / der Samen, das Fleisch, das Herz der Erde! / (…) so singt der Rio de l’Enfer; / seine Wärme lässt die Gletscher schmelzen, / die Gletscher der Diablerets.» Valentin Villars sitzt am Klavier, Jérôme Berney am Cajon, Maria Bonzanigo schwingt die Hüften: «Ich will Sie tanzen sehen!»

Und schliesslich die berühmte Hymne à la terre, komponiert von Valentin Villars. «Unsere Herausforderung besteht darin», erklärt er den Sängerinnen und Sängern, «eine Einheit zu bilden, ohne zu pompös zu werden. Als Inspiration für die Hymne diente mir meine Erfahrung als Kirchenmusiker und Organist. Die Melodie soll die Arena zum Beben bringen!» Selbst ohne Orchesterbegleitung und ohne die Big Band der Fête, lässt die Hymne à la terre schon jetzt die Halle vibrieren. La Rotzérane wird zur Kathedrale und man könnte meinen, schon jetzt lauschen Himmel und Erde andächtig den Worten und der intensiven, liturgischen Melodie des Refrains: «Das Leben ist vergänglich, du bist ewig. / Über alle Grenzen hinweg / bringst du uns zurück aufs Wesentliche: Ich liebe dich, Erde.» Den Abschluss bildet Les trois Soleils, eine fröhliche Komposition von Maria Bonzanigo zu den Texten von Stéphane Blok über das sonnenverwöhnte Lavaux. Es ist wahrlich eine Freude den Stimmen zuzuhören, wie sie durch den Saal schwirren und hin- und hertanzen in einer schon jetzt beeindruckenden Stärke. «Wunderbar. Ich hätte nicht gedacht, dass wir schon so weit sind.»

Es ist Mittag. Maria, Caroline und Céline verabschieden die Chorsängerinnen und Chorsänger. Die nächsten Proben finden im Januar statt.

Es bleibt kaum Zeit für einen schnellen Snack, da kommen schon die ersten Chorsänger/Percussionisten. Noch einmal präsentieren Isabelle Raboud und Daniele Finzi Pasca das Team, und die einzelnen Gruppen stellen sich vor: Mit dabei: die drei Jugend-Gruppen aus Vevey und La Tour-de-Peilz sowie vier Erwachsenengruppen, die dienstags, mittwochs und donnerstags in Lausanne, Burier und La Tour-de-Peilz proben, allesamt individuell als Schauspieler und Statisten eingeschrieben. Seit Wochen proben sie bereits für sich. Daniele warnt sie vor: «Sie müssen sich bewegen, singen, sogar Treppen steigen». Nach ein paar Aufwärmübungen machen sich die Chorsänger/Percussionisten ihrerseits an die Hymne des Vendanges. Die Besonderheit: die Gruppe probt abwechselnd Gesang, Slam, das Skandieren und Percussion, damit sie später in der Arena sowohl den Chor der Fête als auch die Percussionisten begleiten können.

Anschliessend betritt Jérôme Berney die Bühne, um den Teilnehmenden zu zeigen, wie die Weinkisten «gespielt» werden. «Die Weinbauern haben mir gesagt: Man setzt sich niemals auf eine Kiste. Ich schon! Danke an meine Freunde, die Weinbauern, die die Kisten gesponsert haben. Es wird Hunderte davon geben!» Er nimmt eine Kiste in die Hand und hält sie sich dicht vor den Körper, um mit der flachen Hand auf den Boden zu schlagen. «Wir machen noch ein Youtube-Tutorial». Weiter geht’s mit J’arrache, das davon handelt, wie die Weinbauern im November die alten Reben entfernen, um sie durch neue zu ersetzen. Dann folgt Vendanges II. Es wird rhythmisch auf Kisten geschlagen, skandiert und geschwitzt. Am Ende gehen alle Chorsängerinnen/Percussionisten mit einer gelben Kiste unter dem Arm, einem Lächeln im Gesicht und der Gewissheit nach Hause: Das wird eine tolle Fête.

Text: Isabelle Falconnier – Bilder: Jean-Claude Durgniat | oZimages.ch © Fête des Vignerons